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Halbmarathon / Hannover 2014

Hannover, 27.4.2014.

Ein wenig zu spät bin ich am Ort des Geschehens, lockeres Warmlaufen mit einem Kollegen. Der Puls ist gefühlt viel zu hoch.

Es ist soweit – ab in den 3. Startblock von 4 (aus irgendeinem Grund traut mir der Veranstalter 1:45h zu…) Die Nervosität von gestern, welche schon Züge von Angst hatte, ist positiver Anspannung gewichen. „Ich werde das schaffen!“  Startschuss. Ich halte in der Menge eine kleine Motivationsrede. Irgendwie interessiert das keinen. Egal, laufen wir eben ein wenig. Schon nach 3 Minuten bin ich an der Startlinie.  Los geht die wilde Hatz. Mein Kollege („…ich starte mit 6:30min/km…“) ist schon nach 500m  nicht mehr zu sehen. Allerdings nicht hinter mir, sondern vorne weg. Alles klar. „Ruhig bleiben! Bist selber  viel zu schnell.“  Das 1. Km Schild verpasse ich. Die Uhr piepst automatisch. (Meine Uhr hatte  3 Tage vor dem Halbmarathon  einen derben Aussetzer, so dass ich sie komplett zurücksetzen musste. Vor dem Rennen vergaß ich dann die „1km Auto-Runde“ rauszuprogrammieren, was sich im Endeffekt als positiv erweist). Irgendwas um 5:15min steht auf dem Zeitknochen. Zu schneller Start.  Der Klassiker. Irgendwas um 5:40 min/km traue ich mir zu. Ich weiß aber, dies wird sich von selbst einpendeln.   Unglaublich viele Läufer/innen sind unterwegs. Gefühlt viel mehr als in den Vorjahren. Alle unheimlich schnell, obwohl ich immer noch 20s schneller laufe als gehofft.  Ich überhole den 2h-Stunden-pacer. Die Gedanken schwanken zwischen „…du holst mich nicht mehr ein…“ und „…ich werde mit dir ins Ziel laufen…“ Den 1. Erfrischungspunkt lasse ich aus, denn ich habe mir ein eigenes Versorgungsprogramm organisiert. Als ich meinen ersten Verpflegungspunkt  erreiche werden Bilder gemacht, ich werde angelächelt – aber ich bekomme kein Wasser! Verdammt!  6km in den Beinen und ich habe Durst, denn es ist warm. Sehr warm. „ Wenn man Durst spürt, ist es schon zu spät“ hämmert es in meinem Kopf. Kurz darauf: „Nicht weit bis zum nächsten Verpflegungspunkt“. Zwischendrin unerwartete Anfeuerung durch die Familie, die extra  (und unangekündigt )200km angereist ist. Pace immer noch irgendwo bei 5:20min/km.  Kilometer 7: Krise. Die Beine arbeiten hervorragend, aber ich hab das Gefühl mit der Atmung nicht hinzukommen. Im Kopf laufen die Alternativpläne. Bis Kilometer 10 in diesem Tempo, dann Neubewertung. Kilometer 8. Trinken. Endlich. Innerhalb weniger Meter hab ich einen halben Liter Isogetränk in mir drin – und auf dem Shirt.  Sofort läuft’s besser. Lachen  und Abklatschen trotz immer noch zu schneller  Pace.  Oder doch nicht zu hoch? Schlachtengesänge in einer Bahnunterführung. Gänsehaut pur! 10km: weniger als 54 Minuten! Aufhören? Vergiss es! Hochrechnen: könnte für 1.55h reichen. 11km: 59min. Wieder hochrechnen: wenn`s so weiterläuft ist eine neue Bestzeit drin mit 1:53h! Es ist möglich, also mach es!  Ich suche meine Verpflegung. Verpasst. Den offiziellen Stand ansteuern. Stau, gehen, Becher schnappen, ein Gel, Fahrt aufnehmen, trinken, weiter. Km 13: Krise. Atmung passt jetzt, aber die Beine werden müde. Und was ist das? Ein seltsames Gefühl am linken großen Zeh. Das Pflaster vergessen abzumachen! (beim Training 5 Tage vorm Rennen eine Blase in eingelaufenen Schuhen und Socken gelaufen) Gedanken:“Das Pflaster wird eine neue Blase verursachen.  Und Schmerz“. Irgendwie wird auch das gehen. Bis Kilometer 15 kämpfe ich mich hin, denke an das Pflaster, spüre die müden Beine, halte das Tempo , obwohl es schwer ist. Dann der breaking point. Kilometer 15: nur noch 6km. Eine Maschseerunde. 35 Minuten . Was will mich noch aufhalten? Schmerz von der Zehblase? Halte ich eben den Zeh ein wenig anders. Die übliche 17km-Krise? Auch die werde ich meistern. Bauchmuskeln anspannen, Armeinsatz prüfen, vorn kurz, hinten lang, Kopf hoch – es läuft. Zur Unterstützung noch das Notfallgel – mehr für den Kopf als für den Körper. Offizieller Verpflegungsstand –komplett leer! Keine einziger Wasserbecher. Weites Ausweichen um dem Stau zu entgehen.  Kilometer 17. Keine Krise. Müde –ja, Durst – ja. Aber ich ackere mich durchs Feld, sehe vor mir den 3:15h Ballon des zeitgleichen Marathonrennens und ganz kurz bin ich beeindruckt von der Leistung, dieses Tempo doppelt so lange laufen zu können. Dann bin ich wieder bei mir und suche meine Erfrischung. Da ist sie. Ich kann endlich den klebrigen Gelgeschmack wegspülen. Die Hälfte des Wassers haue ich mir in den Nacken. Was für eine Wohltat! Die Atmung ist am Anschlag.  Der Puls muss sonst wo sein. (Die Pulsanzeige der Uhr hatte ich deaktiviert) Erinnerungen kommen hoch: „An dieser Stelle bist du damals beim Marathon komplett eingebrochen.“  Weg mit diesem Gedanken!  Noch 3 Kilometer, die endlos erscheinen. Konzentration nur auf den nächsten Kilometer, nicht nachlassen! Unheimlich viele Zuschauer  säumen die Strecke. Viele stehen direkt auf der Strecke, erzeugen so einen schmalen Laufkanal, der ein Überholen manchmal schwierig macht. Eine Radlerin kommt mir direkt entgegen. Noch 2 Kilometer. Ich kann das Dach des Rathauses neben Start und Ziel sehen. Ist das weit weg! Immer mehr Menschen stehen links und rechts. Lärm überall, der irgendwie aber nicht richtig zu mir durchdringt. Noch 1 Kilometer. Der Wunsch langsamer zu werden ist unbeschreiblich groß. Endlich stehenbleiben. Dennoch überhole ich. Keine 3 Sekunden später schießt einer der Überholten wieder an mir vorbei. Das Ziel kommt in Sicht. Ich hab keinen Blick, kein Gehör für das Drumherum. Nur den Wunsch  endlich stehenbleiben zu dürfen. Die Beine laufen immer noch, irgendwie, automatisch.  Kurz vorm Ziel kommt das Bewusstsein zurück. Ich bin da! Habs geschafft! Lärm, unbeschreiblicher Lärm!  Die große Uhr sagt 1:55:xx. Meine Faust geht hoch. Den Siegesschrei kann ich nicht beschreiben. Ziellinie. Ich bin da. Stehen bleiben. Die kleine Uhr an der Hand sagt 1:51:48h. Luft holen. Unheimlich viele Eindrücke: Stimmen, glückliche und erschöpfte Gesichter, Schulterklopfen, weitergehen. Ganz langsam.  Und realisieren: ICH bin soeben einen Halbmarathon gelaufen, in persönlicher Bestzeit. 8 Monate nach meinem letzten Wettkampf. 8 Monate mit Rückenschmerzen, Laufverbot, erfolglosen und erfolgreichen Behandlungsmethoden. 8 Monate des Nachdenkens , Änderns und Ausprobierens. 8 Monate in denen ich den Wunsch hatte,  wieder richtig laufen zu können:

 

89%Puls (max96%) – 21.1km – 1:51:47h – 5:19min/km

 

glücklich, zufrieden, ohne Rückenschmerzen

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