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Das längste Wochenende

….und am Ende kommt dann alles ganz anders. 2 Jahre haben die Familie und ich geplant, trainiert, organisiert. Alles für den 16.August 2020, IronMan Copenhagen. Mit der Absage dieses Rennens musste eine Planänderung her. Die zunächst anvisierte privat durchgeführte Langdistanz erwies sich mit zunehmender Zeit als kaum durchführbar. Zu viele Störfaktoren beeinträchtigten das Vorhaben, als das ich mit gutem Gefühl an einem Tag die 226km hätte absolvieren können. Gelegen kam mir dabei die Hoffnung auf einen Kurzdistanz-Triathlon am 18. Juli 2020 am Maschsee in Hannover. Dafür war mein aktueller Trainingszustand perfekt. Die Absage 2 Wochen vorher traf mich zugegeben unerwartet, weil das Hygienekonzept der Veranstaltung nach meiner Meinung funktionieren würde.

Irgendwas musste passieren. Es musste ein Abschluss her. Die 2 Jahre mussten mit irgendwas beendet werden. Das 1. Augustwochenende (der ursprüngliche Termin für die private Langdistanz Krichi226) stand mittlerweile wegen weiterer Termine nicht mehr zur Verfügung.  Aber es gab ja schon vorher den Plan B, falls Krichi226 nicht an einem Tag absolvierbar sein sollte. Dieser besagte, die Gesamtstrecke  auf mehrere Tage zu verteilen. Also warum das nicht einfach am letzten freien und verfügbaren Wochenende im Juli 2020 machen? Warum nicht die 226km auf 3 Tage verteilen? Aus dem längsten Tag würde dadurch das längste Wochenende werden.

Mein längstes Wochenende begann dann am Freitag im Freibad Pattensen bei Hannover. Durch die Corona bedingte Schließung der Frei- und Hallenbäder war im März und April ein Vakuum entstanden, welches ich mit viel Freiwasserschwimmtraining kompensierte. Es ging los mit 12°C Wassertemperatur im März und erreichte seinen Höhepunkt mit 25°C im Juni. Der unschöne Nebeneffekt – der u.a. auch zur Absage von Krichi226 führte – war meine allergische Reaktion auf die Pollen auf der Wasseroberfläche. Nach jedem Schwimmtraining fiel ich einen Tag aus. Das war frustrierend. Ein alter Bekannter rettete mich. Uwe (Schwimmtrainer aus Pattensen) lud mich ein, mit Wiederöffnung der Freibäder an seiner Trainingsgruppe teilzunehmen.  Das Wasser dort war saukalt, aber schnell. Ich schwamm neuerdings im Durchschnitt die 100er schneller als 2 Minuten.  Die Auslastung des Schwimmbades war wider Erwarten gering. Also warum nicht dort schwimmen? Warum nicht dort das längste Wochenende beginnen lassen?

Meine Trainingsgruppe und Uwe nahmen einen Riesenhaufen Rücksicht und ich hatte an diesem besagten Freitag eine ganze Bahn für mich allein. Ein Traum. Nicht so der Traum war, diese Bahn war am anderen Ende des Beckens. Also erheblich langsamer . Scherz. Es war meine eigene falsche Taktik, die meine Hoffnung von 3800m in 1:16h platzen ließen. Ich schwamm zu hart an (1:45min/100m), erlebte dann wie man sich 2000m lang im Wasser wohl fühlen kann, um am Ende gefühlt einen Vollsprint hinzulegen, welcher aber tatsächlich viel  langsamer war. Am Ende genau das geschwommen, was ich mir als Minimalziel für Copenhagen ausgerechnet hatte:

swim (50m Becken/Neo): 3800m – 1:19h – 2:05min/100m

Der Samstag startete gelinde gesagt mit einer Katastrophe. Beim Schwimmen am Vortag hatte ich mich beim Umziehen an einem Sonnenschirm gestoßen. Nur eine kleine Schramme am Zeh, so dachte ich. Bei näherer Betrachtung durch medizinisches Fachpersonal aus dem Familienumfeld wurde klar, das ist nicht nur eine Schramme. Aber der Zeh konnte zusammenflickt werden – so wie schon so viele Male zuvor. Er passte zwar nicht ohne Druckschmerz in den Laufschuh, aber das war ein Problem für 7 Stunden später. Im Radschuh sollten ein paar Kilometer mögliche sein. Die ersten 25 fuhr die betreuenden Krankenschwester und Liebste mit mir. Oder besser vor mir. Ein ums andere Mal musste ich abreißen lassen, weil sie anscheinend voll im Race-Modus war. Ich wollte aus meinen Schwimmerfahrungen vom Vortag gelernt haben und möglichst ruhig starten.  Ich fand erstaunlich, wie gut ich mich fühlte. Irgendwann trennten sich unsere Wege und wir begaben uns auf unterschiedlichen Strecken in den Gegenwind aus Süd-West. Der Haupstreckenabschnitt  würde genau in diese Richtung gehen. Das war geplant. Nicht geplant war die Stärke des Windes.  Das führte zu etwas zu schweren ersten 100 Kilometern. Aber die Vorfreude auf ein Wiedersehen mit der Liebsten und Nachschub an Verpflegung machte das alles irgendwie erträglich. Der Zwischenstopp gab neue Energie. Ich flog förmlich den Anstieg der Marienburg hinauf, immer den Leistungsaufwand genau im Blick. Ich glaubte, das Schlimmste sei überstanden. Falsch gedacht. In meiner Erinnerung hatte ich die Hügel und leichten Anstiege vergessen, die jetzt vor mir lagen. Mit Wind von vorn. Hatte ich es vorher als anstrengend empfunden? Das war nichts im Vergleich zu den folgenden 20 Kilometern. Ich sehnte den Punkt herbei, den mir meine innere Landkarte als verheißungsvollsten Punkt der Gegenwart versprach: rechts abbiegen, Rückenwind. Auch wenn ich nicht daran glaubte, ihn jemals zu erreichen, irgendwann war ich tatsächlich da. Die letzten 40km waren dann das komplette Gegenteil von vorher und entschädigten für alles vorher. Wirklich für alles:

bike:  180km – 6:36h – 27.3km/h – 148W/156W NP -79rpm

Am vereinbarten Wechselpunkt erwartete mich erneut die Liebste. Diesmal erneut mit Wasser, Verpflegung – und Laufschuhen. Sollte ich wirklich? Konnte ich wirklich? Was würde der Zeh davon halten? Nun, er passte ohne Schmerz in den Schuh. Also konnte ich auch loslaufen. Das ging erstaunlich gut. All die Berichte stimmten also. Man kann also nach 180km auf dem Rad noch laufen. Ok, nicht wirklich schnell und es fühlt sich anders an, als alle Läufe vorher, aber ich lief. Nach motivationsbedingt einfachen ersten  Kilometern legte ich gelegentliche Gehpausen ein. Ich freute mich über jede rote Ampel als willkommene Pause. Den ursprünglichen Plan von eröffnenden 6km warf ich über Bord und schaffte irgendwie 9.2Kilomter in 58min. Damit würden für den Folgetag nur noch 33km übrig bleiben. Gefühlt hatte ich aber hier schon gewonnen. Selbst wenn mir am nächsten Tag alles weh tun würde oder der defekte Zeh ein weiterlaufen verhindern würden, ich war mit dem Erreichten absolut zufrieden.

Für den nächsten Tag – Sonntag – besagte der Plan, lauf soweit du kommst. Zumindest die ersten 6 und die letzten 6 Kilometer. Dazwischen würde ich zur Not die Runden mit dem Fahrrad drehen, um die erforderlichen 42.195km zu erreichen. Ort: Maschsee Hannover. Mit seinem Umfang von 6km perfekt dafür geeignet. Es waren also noch 5 ½ Runden nach den gestrigen 9.2km übrig.  Noch eine kleine Besonderheit hatte ich mir überlegt. Seit Beginn meiner „Triathlonkarriere“ hab ich 7mal beim Maschseetriathlon in irgendeiner  Form teilgenommen. Als Folge dessen hatte ich auch 7 Finishershirts davon in meinem Besitz. Also wechselte ich nach jeder Runde das Shirt. Den Anfang am Vortag hatte mein 2012 Shirt gemacht. Enden würde es mit 2019. (2017 fehlt leider in meiner Sammlung)  Wie es enden würde, war mir da aber noch nicht klar. Ich begann also zu laufen, Runde für Runde, Shirt für Shirt. Der Gedanke an den Wechsel aufs Rad kam erstaunlicher Weise nur auf der ersten Hälfte –  gelegentlich. Irgendwann wollte ich einfach durchlaufen. Unvernünftig? Natürlich. Aber absolut notwendig. Der letzte Wechsel gestaltete sich dann schwierig. Ich wurde zunehmend müde und unbeweglich. Die alte Weisheit kam wieder zum Vorschein: die letzten 3km sind die härtesten, egal wie lang die Strecke ist. So auch diese Mal. Jeder Schritt ein Kraftakt. Flogen vorher die Kilometer unter mir durch, dauerten jetzt 100m gefühlt ewig. Aber irgendwann winkte die Liebste vor mir unter den Bäumen. Meine Uhr sprang um von 42.19km auf 42.2km. Ich malte eine Linie in den Sand und machte einen Schritt darüber.

run: 42.2km – 4:17:30h – 6:06km (in Etappen/ Pausen rausgestoppt)

226km. Aus eigener Kraft. Fertig.

2 Antworten auf „Das längste Wochenende“

Danke für den hervorragenden Bericht.Wir konnten Deine Aktivitäten wie einen Film, Dank Deiner guten bildhaften Beschreibung, miterleben. Glückwunsch!!,

Hi Krichi. Wirklich toll!!!! Respekt für diese Leistung. ich bin am 27.6. meinen ersten Halbmarathon gelaufen.
Deine Pace von 6:06 ist überragend.
glückwunsch
gruss
Melli

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