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unperfekt perfekt

oder: „mach mir den Kienle!“*

Triathlon Salzgitter 2022 / Volksdistanz

Lust hatte ich keine rechte. Das negative Schwimmerlebnis vom Fümmelsee steckte mir doch arg im Kopf. Lange hatte es gedauert, bis ich mich im Freiwasser wieder wohler fühlte. Am Ende traute ich mich sogar wieder in die Nordsee. Was aber würde im Wettkampf passieren? Wie würde es mir bei dem ganzen Hauen und Treten gehen? Genau das war dann der endgültige Entscheidungsgrund für meinen Start: ich wollte wieder Selbstsicherheit beim Freiwasserschwimmen. Ich wollte wieder der Herr über meine Handlungen sein, nicht meine Angst davor, es könnte ja was passieren….

Aber zunächst schlug natürlich Murphy zu. Beim Aufwärmen verpaßte ich mir einen Schnitt in der linken Ferse. Sanizelt? Auf keinen Fall! Wenn Sebi Kienle* mit einer Scherbe im Fuß eine Langdistanz machen kann, dann bekomme ich das hier auch hin!

Der Startschuss, der Sprung ins Wasser, der Ärger über die falsche Position ( weil zu weit hinten und somit bei den Brustschwimmern mit viel Treten), die Freude über die Leichtigkeit des Gleitens, das beruhigende Blubbern beim Atmen, die 1. Boje, die 2. Boje, der Schwimmausstieg – nach gerade mal 10 Minuten. Besser hätte es nicht laufen können. Hier hatte ich schon gewonnen.

Auf den folgenden 2 Radrunden „lief“ es genau so weiter. Ich konnte machen, was ich wollte – es funktionierte. Höchste Durchschnittsgeschwindigkeit – personal best (pb) genannt. Bis zum Absteigen. Da verabschiedet sich einer meiner Schuhe von den Pedalen an einer Bordsteinkante. Eine Zuschauerin will helfen, reicht ihn mir. Ich vermute, mein Ton war sehr unfreundlich: „Wieder hinlegen! Sie dürfen mir nicht helfen!“ Keine Reaktion bei ihr. Ich ein 2. Mal, vermutlich noch unfreundlicher: „Legen Sie den Schuh wieder hin! Wenn Sie mir helfen, werde ich disqualifiziert!“. Sie legt eingeschüchtert den Schuh wieder hin. Ich schnappe ihn mir und stürme weiter. Im Wegrennen höre ich, wie der örtliche Kampfrichter freundlichere Worte findet und mein Verhalten erklärt. Ich hätte mich gern entschuldigt.

Hatte ich auf dem Rad noch Bedenken, der hohen Geschwindigkeit würde ich beim Laufen Tribut zollen müssen, so stellt sich das als Trugschluss heraus. Nie lief ich schneller, selten fühlte es sich so gut an – obwohl es doch eigentlich weh tut. Bestzeit – pb.

Lebendiger kann man sich kaum fühlen.

Zum Abschluß holt der Malteser Hilfsdienst dann nur etwas Sand aus der Schnittwunde am Fuß. Reicht nicht bei mir für eine Scherbe, bin eben kein Kienle. Aber ich reiche mir völlig. Das war heute mein bestes Ich.

*30.06.2019: Sebastian Kienle läuft sich bei der Triathlon-EM in Frankfurt eine Scherbe in den Fuß und wird dennoch Zweiter.

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